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Natur und Technik werden gewöhnlich als unvereinbare Gegensätze
angesehen, weil sie anscheinend unter wenig vergleichbaren
Zielsetzungen ablaufen. Das wird von der Bionik, ein Kunstwort aus
Biologie und Technik, ganz anders gesehen. Hier geht es um Lernen von der Natur als Anregung für eigenständiges Gestalten.
Es
hat sich gezeigt, dass über Millionen von Jahren in der Tier- und
Pflanzenwelt evolutionäre Entwicklungen stattgefunden haben, die unsere
technischen Entwicklungen vielfach in den Schatten stellen.
Auf
der anderen Seite stellt die Bionik keine Blaupausen für die Technik
bereit, sondern überschreitet die Grenzen unterschiedlicher
Forschungsgebiete in interdisziplinärer Weise um neue Anwendungsgebiete
herzuleiten. Zu nennen sind dabei u.a. die folgenden Teilgebiete (von
insgesamt 12):
- Konstruktionsbionik: Konstruktionen der Natur,
- Verfahrensbionik: Vorgehensweisen oder Verfahren der Natur und
- Informationsbionik: Datenübertragungs-, Entwicklungs- und Evolutionsprinzipien.
Insbesondere in der Luftfahrt zeichnen sich durch die Anwendung
bionischer Prinzipien erhebliche Leistungsverbesserungen von Flugzeuge
ab. Denn einer Gruppe von Meeresbewohnern, den Haien (Abb. 1), verdankt die Luftfahrt die Entwicklung einer "künstlichen Haifischhaut für Verkehrsflugzeuge".
 Abb. 1: Haifischhaut (Quelle: BIOKON)
Die
von Berliner Ingenieuren nach dem Vorbild der Haie konstruierte
Oberfläche ist besonders reibungsarm. Als Folie auf einen Airbus A340
oder A320 aufgebracht, führt sie zu einer Wandreibungsverminderung von
bis zu acht Prozent, wodurch das Flugzeug pro Langstreckenflug 2,4
Tonnen weniger Treibstoff verbraucht.
Des Weiteren ist die
Unbenetzbarkeit von Blattoberflächen lange bekannt und gut untersucht.
Es wurde jedoch weitgehend übersehen, dass unbenetzbare Oberflächen
auch nahezu unverschmutzbar sind. Dieser Zusammenhang wurde erst in
jüngster Zeit detailliert untersucht und experimentell belegt. Da er
sich besonders gut an den großen schildförmigen Blättern der
Lotuspflanze demonstrieren lässt, wurde er von Prof. Dr. Wilhelm
Barthlott von der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn
"Lotus-Effekt" genannt.
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| Abb. 2: Lotus-Effekt (Quelle: Uni Bonn) |
Abb. 3: Blattoberfläche (Quelle: Uni Bonn) | Wenn Wassertropfen über ein Lotusblatt rollen, dann nehmen sie alle kontaminierenden Partikel auf und entfernen sie vom Blatt (Abb. 2).
Grundlage des Lotus-Effektes sind extrem aufgerauhte, hydrophobe
Blattoberflächen an denen Wasser und Partikel praktisch nicht haften (Abb. 3).
Eine industrielle Anwendung ist die von der Firma ISPO GmbH in
Kriftel bei Frankfurt entwickelte neuartige Fassadenfarbe "Lotusan",
die nahezu völlig immun ist gegen Verschmutzung.
Durch diese
bahnbrechenden Erkenntnisse auf dem Gebiet sich selbstreinigender
Oberflächen kam das FITR auf die Idee, die Innenseite von
Abwasserrohren zu strukturieren, um dem Problem von Ablagerungen
entgegenzutreten. Darüber hinaus wurden noch andere natürliche
Vorbilder für einen optimierten Flüssigkeits- und Feststofftransport
gefunden.
Im Flügeladersystem von Insekten weisen abwechselnd
versteifte und nicht versteifte Wandbereiche positive Effekte auf die
Fluidströmung auf. Auch bei den Wasserleitsystemen von Landpflanzen
führen auf die Gefäßwand aufgelagerte Verdickungen zu einem
effizienteren Transport.
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Im Endeffekt konnten
im Rahmen einer mehrjährigen Entwicklung makroskopische Strukturen für
die Rohrinnenflächen geschaffen werden, die selbst bei niedrigen
Strömungsgeschwindigkeiten und bei geringem Gefälle durch Erzeugung von
künstlichen Wirbeln in der wandnahen Zone den Abtrag von Feststoffen
beschleunigen und eine erneute Sedimentation verhindern.
Konkret: Der Sedimentabtrag aus dem strukturierten Bereich einer GFK-Rinne (Abb. 4)
bei einem Gefälle von 1 ‰, einem Wasservolumenstrom von 15 l/s und
einer daraus resultierenden Strömungsgeschwindigkeit von 0,36 m/s
erfolgt 7 mal schneller, als bei unstrukturierter GFK-Rinnensohle.
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| Abb. 4: 6 m lange Rohrschale aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) mit Strukturkörpern aus Polypropylen |
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